Die Menschen haben oft versucht, sich in Erzählungen Dinge und Tatsachen zu erklären, deren Bedeutung ihnen verborgen oder im Laufe der Zeit verloren gegangen war. Da ging es dann oft um Riesen, Heilige oder den Teufel, und mit der historischen Wahrheit nahm man es nicht so genau, Hauptsache, es leuchtete den Zuhörern ein. So war im Laufe der Jahrhunderte dem Volk die Kenntnis darüber verloren gegangen, warum eigentlich die Marksburg so hieß. Abergläubisch und phantasievollen Erklärungen durchaus aufgeschlossen erzählten sich die Leute die Geschichte vom persönlichen Eingreifen des Schutzpatrons der Burgkapelle in der Zeit, als die Burg noch den Herren von Eppstein gehörte, die Geschichte...

Wie die Marksburg zu ihrem Namen kam

Keine Burg steht stolzer hoch oben auf einem Berg als die Marksburg. Doch nicht immer hieß die stolze Feste so, anfangs war sie bekannt unter dem einfachen Namen des Städtchens, das auch heute noch zu ihren Füßen liegt. Zusammen mit dem Größerwerden der Burg wuchs dem Erbauer, dem edlen Herrn von Eppstein, eine wunderschöne Tochter mit Namen Elisabeth heran. Sie war so schön, dass sie im ganzen Land nicht ihresgleichen hatte.
Als sie in das Alter kam, wo gemeinhin ein Fräulein zur Frau werden soll, warben die Freier aus den besten Familien um sie und kamen zur Burg des Vaters, zur Burg Braubach. Sie wurden auch alle empfangen, wie es sich geziemt, doch dann mit kurzen Worten wieder verabschiedet, und mussten unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen.
Nur einer hatte mehr Glück. Siegbert von Lahnstein gewann Elisabeths Herz. Der junge Graf von der Burg über der Lahnmündung und die Tochter aus Eppsteiner Geschlecht fühlten sich zueinander hingezogen und dachten von da an oft darüber nach, wie es wäre, zwischen den beiden Burgen ein eheliches Band zu knüpfen.
Mitten in die Hochzeitspläne kam jedoch ein Herold und brachte den kaiserlichen Aufruf an alle Ritter und Edelleute, in den Krieg gegen Böhmen zu ziehen. Kaiser Rudolf von Habsburg zog gegen König Ottokar, seinen gefährlichen Widersacher, und so musste auch Siegbert seinem Treueeid Folge leisten. Der Abschied der beiden Verliebten war sehr schmerzlich, und noch schmerzlicher wurde die lange Wartezeit. Der Krieg schien sich unendlich hinzuziehen, bis schließlich die grausame Schlacht auf dem Marchfeld mit Ottokars Tod den Sieg des Kaisers besiegelte. Doch unter den Heimkehrenden war Siegbert nicht, er blieb verschollen.
Kaum ein Jahr später meldete sich auf Lahneck in einer rücksichtslosen, dreisten Weise ein junger Ritter. Er gab vor, Rochus von Andechs zu sein, der Vetter Siegberts. Er bezeugte, Siegbert sei auf dem Marchfeld gefallen. Der junge Andechser beanspruchte als nächster Verwandter das Erbe und setzte sich ohne Zögern in die Burg Lahneck. Doch er wollte sogar noch mehr. Er stattete der benachbarten Burg des Herrn von Eppstein einen Besuch ab und bat, kaum dass die Trauerzeit vorüber war, um die Hand von Elisabeth.
Diese hatte sich jedoch keineswegs mit dem Verlust ihres Geliebten abgefunden. Die Werbung des neuen Freiers kam ihr viel zu rasch. Auch war er so ganz anders als ihr Liebster, sie war sich ihrer Gefühle nicht sicher. Der stattliche Ritter Rochus von Andechs beeindruckte sie durch seine fremdländische Schönheit, er benahm sich ihr gegenüber höflich, doch sein Blick funkelte begehrlich. Er war zwar reich an Besitz, doch arm an Gefühl, so dass er sie nicht für sich gewinnen konnte.
Kurz vor diesem Ereignis war auf Burg Braubach ein junger Mönch als Burgkaplan eingesetzt worden. Sein Name war Bruder Markus, und er hatte den selben Schutzpatron wie die Burgkapelle, in der er nun seinen Dienst zu verrichten hatte, auch sie war dem Evangelisten geweiht, dessen Zeichen der Löwe ist. Bruder Markus kam vom Kloster aus Bornhofen, und die selbstbewusste Art seines Auftretens verriet, dass er aus ritterlichem Hause stammte. Er erfuhr von Elisabeths Trauer und nahm sich vor, ihr in ihrem Zwiespalt beizustehen.
Als Rochus um sie geworben hatte, schüttete Elisabeth dem Mönch ihr Herz aus. Obwohl der Andechser auf sie wohl Eindruck gemacht hatte, warnte sie irgendetwas in ihrem Herzen vor ihm, ohne dass sie genau wusste, was es war. Auch Markus verspürte eine Abneigung gegen diesen schwarzen Ritter. Und es war allen offensichtlich, dass auch Rochus die Gegenwart des Burgkaplans mied.
Der edle Herr von Eppstein, Elisabeths Vater, weil er sich Sorgen um seine Tochter machte in ihrem Kummer um Siegbert, riet dagegen seiner Tochter, Rochus ihre Hand zu geben. Und um ihrem alten Vater zu gehorchen, ließ sie sich darauf ein, und der Tag der Hochzeit wurde festgelegt. 

Am Vorabend flehte der Mönch zu seinem Schutzpatron um Elisabeths Glück und Seelenheil, denn er spürte, dass Elisabeth sich in Gefahr befand. Er wusste aber auch, dass er allein machtlos war. Spät in der Nacht vor dem Fest, während im Burghof und oben im Rittersaal die Hochzeitsgäste schon in ihrer Vorfreude tanzten und feierten, wurde die kleine Burgkapelle plötzlich von einem hellen Schein erfüllt. Dem betenden Mönch erschien sein Namenspatron und sprach: „Wisse, der Mann, der sich Rochus von Andechs nennt, gehört zu dem Fürsten der Finsternis. Du hast meine Hilfe erfleht, so rette Elisabeth, die sich dir anvertraut hat. Habe keine Furcht, widerstehe dem Bösen und berühre ihn mit diesem geweihten Kreuz.“ Sprach's und verschwand.
Als der Bräutigam am nächsten Morgen auf die Burg kam, um sich mit Elisabeth zu vermählen, und mit klirrenden Sporen in den Burghof trat, tat Bruder Markus, wie ihm aufgetragen war. Der Burgkaplan hielt dem Ritter das Kreuz entgegen und rief ihm die dreifache Beschwörung der Hölle entgegen. Da stampfte Rochus auf den Felsboden wie mit einem Pferdefuß. An der Stelle öffnete sich ein Erdspalt und verschlang ihn vor den entsetzten Augen von Elisabeth und allen Festgästen.
Diesen neuerlichen Schicksalsschlag aber hat Elisabeth nicht überwunden. Sie nahm den Schleier und starb schon kurze Zeit später im Kloster. 
Die Burg aber wurde von da an, zu Ehren des Evangelisten Markus, der hier das Wunder vollbracht hatte, "St. Markusburg" und später kurz "Marksburg" genannt.

So ähnlich hätte sie wohl ausgesehen, die dramatische Szene mit Rochus und dem Mönch im Burghof der Marksburg, wenn – ja, wenn sie denn wirklich passiert wäre... 

 

Wie so viele andere hält auch die Sage davon, wie die Marksburg zu ihrem Namen kam, dem genaueren Hinsehen nicht stand, denn diejenigen, die sich die Geschichte erzählt haben, haben einige Tatsachen, die Wissenschaftler längst herausgefunden haben, einfach ignoriert. Die Marksburg wurde nämlich in der gesamten Eppsteiner Zeit und auch danach noch, sogar bis zum Ende der Katzenelnbogener Phase 1479, Burg Braubach genannt, von einer Umbenennung kann hier noch keine Rede sein. Erst in hessischer Zeit, 1574, erscheint in Urkunden erstmals der Name "Sankt Marxpurgk" (nach dem Schutzpatron der Burgkapelle, dem Evangelisten Markus), um sie von der neuen, ebenfalls auf Braubacher Gebiet liegenden Philippsburg zu unterscheiden – ein teuflisches bzw. himmlisches Eingreifen ist eher unwahrscheinlich. Außerdem war in Braubach und damit auf seiner Burg  zur Zeit der Umbenennung ja bereits ein halbes Jahrhundert lang die Reformation eingeführt und kein (katholischer) Burgkaplan mehr dort tätig.

Aber spannend und vor allem romantisch ist die Geschichte doch, oder?
Zu schön, um wahr zu sein...

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